BUCHWISSENSCHAFT & NACHHALTIGKEIT: DISKUSSIONSVERANSTALTUNG DES ZENTRUM FÜR BUCHWISSENSCHAFT

nachhaltige buchwissenschaft

In Kooperation mit dem Zentrum der Buchwissenschaft der LMU München hat eine Abendveranstaltung via Zoom zum wichtigen Thema Nachhaltigkeit in der Buchwissenschaft stattgefunden. Moderiert wurde das Online-Event von Prof. Dr. Sabine Wölflick. Jahrelang hat Wölflick in der Verlagsbranche gearbeitet und bietet zudem nun jedes Jahr das Fach Greenwashing im Studiengang DMT an.

Gegenstand der Diskussionsveranstaltung waren verschiedene Berührungspunkte, die aktuelle Nachhaltigkeitsdiskurse und die Buchwissenschaft haben. Zum einen gehört die materielle und ökonomische Dimension von Literatur zu den zentralen buchwissenschaftlichen Fragestellungen.

praxisvorträge zur buchwissenschaft

Zwei Vorträge ab 18.00 Uhr wurden vorgestellt:

  • 18.00 – 18.45 Uhr: Buchwissenschaft und Nachhaltigkeit: theoretische Überlegungen
    Ein Impulsvortrag von Dr. David-Christopher Assmann (Institut für deutsche Literatur, Goethe-Universität Frankfurt) 
  • 18.45 – 20.00 Uhr: Nachhaltigkeit in der Praxis
    Präsentation und Gespräch mit Kajsa Schwerthöffer, oekom Verlag, und Lorenz Wild, F&W Druck- und Mediencenter GmbH

Der im ersten Beitrag diskutierte Ecocriticism untersucht unter vielfältigen Aspekten die Beziehungen zwischen Umwelt und (Buch-)Kultur. In der Praxis steht die Buchbranche wegen ihres großen Holz- und Energieverbrauchs und wegen der Verwendung schädlicher Chemikalien in der Kritik. Der Druck der Buchkäufer/innen auf die Unternehmen steigt, glaubwürdige Nachhaltigkeitskonzepte vorzulegen. Wie man erfolgreich nachhaltig wirtschaften kann, sind am Beispiel des oekom Verlags und des F&W Druck- und Mediencenter GmbH vorgestellt worden.

Buchwissenschaft theorie: Dr. David-Christopher Assmann

Die theoretischen Grundlagen zum Thema der Nachhaltigkeit und Ecocriticism vermittelte Dr. David-Christopher Assmann: Zum einen werden Fragen wie ‚Was ist Nachhaltigkeit?‘ und ‚Was ist Ecocriticism?‘ näher diskutiert. Die Begriffe werden von verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wie die der Semantik: Die Nachhaltigkeit als ‚leere‘ Worthülse, Stichwort Greenwashing, oder Nachhaltigkeit als normative Forderung, Vision oder Utopie. Klimaneutralität, das Gleichgewicht zwischen Ressourcenverbrauch und Ressourcenerhaltung, sollte das entwicklungspolitische Ziel der gesamten Gesellschaft sein. Neben den Bürger:innen zielt Nachhaltigkeit als politisches Programm auf weitere soziale Ebenen wie auf den Staat oder die Wirtschaft. Ecocriticism ist laut Cheryll Glotfelty, Autorin des Bestsellers „The Ecocriticism Reader“, beschreibt die grundlegende Prämisse, dass die menschliche Kultur mit der physischen Welt verbunden ist. Zudem beeinflussen sie sich beide gegenseitig. Assmann hat zuletzt drei Thesen zu Ecocricism aufgestellt:

  1. Die physische Umwelt (,Natur‘) steht nicht jenseits des ,Kulturellen‘ oder ,Sozialen‘, sondern steht mit diesen in Relationen des ,entanglements‘ oder der ,intra-action‘. 
  2. Materialität verfügt über eine ,agency‘ oder ,resistance‘, die sich diskursanalytisch, semiotisch oder praxeologisch nur unzureichend fassen lässt. 
  3. Literatur kann diese ,entanglements‘ und ,agency‘ explizieren, thematisieren und reflektieren und damit ein gewisses nachhaltiges Wissen vermitteln.

Mit einer Heuristik zu ökokritisch orientierter Buchwissenschaft endet Assmann seinen Vortrag: Nachhaltigkeit sollte zum einen als buchwissenschaftlicher Gegenstand etabliert werden. Weiterhin ist Nachhaltigkeit als Verfahren in Zusammenarbeit mit Praktiker:innen zu verstehen. Die Untersuchung, Bewahrung und Förderung der Vielfalt auf dem Buchmarkt muss weiter vorangetrieben werden.

Buchwissenschaft Praxis: Nachhaltige Druckprodukte mit lorenz wild

Lorenz Wild, Geschäftsführer und Dipl.-Ingenieur bei der F&W Druck- und Mediencenter GmbH, stellt gleich zu Beginn seines Vortrags eine wichtige Frage:

„Bevor Du fragst wie ein Druckprodukt  nachhaltig hergestellt werden kann, solltest Du Dich fragen WARUM Du eigentlich etwas druckst.“

Lorenz wild
Lorenz Wild
F&W Druck- und Mediencenter

Um diese Frage zu klären, verbildlicht Wild die sieben größten Verschwendungen in der Buchbranche nach Tim Wood:

  • Überproduktion (Auflagenhöhe, Mehr-/ Minderabnahmevereinbarung)
  • Bestände (lieber mehrere kleine Auflagen als eine große)
  • Fehler, Nacharbeit, Ausschuss (Neudruck oder Preisnachlass…)
  • Wartezeiten (Druckdaten nach Prüfung schnell freigeben…)
  • unnötiger Transport (zu großer Verteiler, Musterversand mit LKW, Kurierfahrten)
  • unnötige Bewegung (Abstimmungsaufwand, Freigaben per Kurier, Sonderfahrten)
  • Überbearbeitung (zu hohe Qualität als benötigt, zu hohe Grammatur)

Um eine erste Orientierung für den Buchleser zu schaffen, stellt Wild im Anschluss die wichtigsten Zertifizierungen für eine nachhaltige Buchwissenschaft vor:

Die Siegel der Nachhaltigkeit in der Buchwissenschaft

PEFC, Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes und FSC, Forest Stewardship Council, sind zwei unabhängige Waldzertifizierungssiegel. Sie gewährleisten Schutz vor Kahlschlägen und stehen für eine kontinuierliche Verbesserung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung.

Das natureOffice Siegel wurde von einer inhabergeführten Klimaschutzorganisation ins Leben gerufen und ermittelt die CO2-Kompensation. Bei zufriedenstellenden CO2-Emissionen wird ein CO2-Zertifikat ausgestellt und das Siegel ins Buch gedruckt.

Der Blaue Engel ist das Umweltzeichen der Bundesregierung. Es dient als verlässliche Quelle für einen nachhaltigen Einkauf. Verwendet werden Recyclingpapiere und Papiere mit hohem Anteil an Altpapier. Weitere Voraussetzung für den Blauen Engel sind speziell zertifizierte Farben, Lacke und Klebstoffe.

nachhaltige buchwissenschaft
Kann nachhaltige Buchwirtschaft gelingen?

Buchwissenschaft praxis: Green publishing – ideen für grünere seiten mit kajsa schwerthöffer und oekom verlag

oekom ist der führende Verlag für Ökologie- und Nachhaltigkeitsthemen im deutschsprachigen Raum. Übers Jahr erscheinen hier mehr als 70 Fach- und Sachbücher, sowie Ratgeber und seit einigen Jahren auch Kinderbücher. Zudem hat oekom 13 Zeitschriften im Programm, davon zehn Fachzeitschriften und drei Publikumszeitschriften. Mit seinen Publikationen setzt der Verlag Themen und macht komplexe Zusammenhänge auch einem breiten Publikum zugänglich. Ziel des Verlags ist es, neue Wege für eine zukunftsfähige Gesellschaft aufzuzeigen und zu beschreiten – dafür macht oekom Bücher und Zeitschriften.

oekom ist aber nicht nur publizistischer Nachhaltigkeitsakteur. Als nachhaltiges Unternehmen war es immer schon ein Vorreiter innerhalb der Verlagsbranche. Dafür hat das Verlagshaus 2011 sogar eine Stabsstelle Nachhaltigkeit eingerichtet und macht das Thema so auch formal zur Chefsache.

oekom ist vorreiter beim Thema nachhaltiger buchdruck

oekom setzt konsequent auf eine umweltschonende Ausstattung und Herstellung seiner Printprodukte und nimmt dabei teils enorme Mehrkosten in Kauf: Der Anteil von Recyclingpapier, das mit dem Blauen Engel ausgezeichnet ist, liegt bei über 75%, ansonsten kommt überwiegend Recyclingpapier mit FSC-Zertifizierung zum Einsatz.

Auch verzichtet der Verlag auf das in der Branche immer noch übliche Einschweißen in Plastikfolie. Viele der Printprodukte sind außerdem mit dem Blauen Engel Druckerzeugnisse (UZ 195) ausgezeichnet wie die Publikumszeitschriften Slowfood Magazin oder BIO sowie die Fachzeitschriften Ökologisches Wirtschaften und Der Umweltbeauftragte. Auch verlangt der Verlag von allen seinen Dienstleistern und Lieferanten, die fast ausschließlich aus Deutschland stammen, hohe ökologische Standards bei all ihren Unternehmensaktivitäten sowie ein hohes Maß an ethischem Verhalten. Alle unvermeidbaren CO2-Emissionen kompensiert der Verlag durch Investitionen in ein Gold-Standard-Projekt zum Schutz des Klimas und der Biodiversität.

Auch ein grüner Verlagsalltag hat bei oekom oberste Priorität. Dazu zählen u.a. der Bezug von Ökostrom, eine Website, die über einen umweltschonend arbeitenden Host betrieben wird, recyclingfähige Möbel und Arbeitsinstrumente sowie Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung. Außerdem kommen fast alle oekom-Mitarbeiter(innen) mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Ein kostenloser Fahrradcheck macht das Fahrrad auch für private Zwecke als Fortbewegungsmittel attraktiver. Für Geschäftsreisen nutzen alle Mitarbeiter:innen auch über 400 km Entfernung konsequent die Bahn.

Engagement des Verlags zahlt sich aus

Als Vorreiter in der Verlagsbranche nimmt oekom seine Rolle als Multiplikator ernst und wahr. Ziel ist es, einen höheren ökologischen Standard in der Branche weiter zu etablieren. Dafür hat das Verlagshaus bspw. 2011 die Initiative zum Nachhaltigen Publizieren gestartet, aus der das Umweltzeichen ‚Blauer Engel Druckerzeugnisse‘ (RAL-ZU 195) hervorgegangen ist. Der Blaue Engel Druckerzeugnisse zeichnet seit dem Frühjahr 2015 Printprodukte aus, die mit dem umweltschonendsten Verfahren und Einsatzstoffen produziert werden.

Auch außerhalb der Branche engagiert sich oekom auf regionaler und nationaler Ebene als Mitglied zahlreicher Initiativen und Arbeitsgruppen u. a. bei der Initiative Biodiversity in Good Company, bei Entrepreneurs for Future oder beim Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V.

Transparenz nach innen und nach außen hat bei oekom einen hohen Stellenwert. Damit unterstreicht das Unternehmen seine Glaubwürdigkeit und nimmt seine Rolle als Vorreiter in der Branche aktiv wahr. Über seine Nachhaltigkeitsleistungen berichtet der Verlag u.a. im Entsprechensbericht zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex und im Fortschrittsbericht zur Biodiversität, den er alle zwei Jahre im Rahmen der Mitgliedschaft bei der Biodiversity in Good Company Initiative aktualisiert. Beide Berichte sind im Internet abrufbar. Informationen zur CO2-Kompensation erhält man über einen QR-Code und über eine ID-Nummer, die in allen Publikationen abgebildet ist.


Noch mehr über Nachhaltigkeit im Alltag erfahren? Dann schau‘ doch gern bei unserem Blogbeitrag zum Vortrag mit Tina Teucher vorbei.